Schlagwörter: Algorithmenethik

Über die Macht der Algorithmen

„Algorithmische Auswahl- und Entscheidungsprozesse prägen unseren Alltag, unsere Wahrnehmung der Welt und unser tägliches Handeln. Ihre Bedeutung steigt in einer durch Automatisierung und Big Data gekennzeichneten digitalen Gesellschaft in sämtlichen Lebensbereichen rasant an. Damit werden sowohl die Frage nach der Machtausübung mittels Algorithmen als Instrumente als auch jene nach der Macht von Algorithmen als eigenständige Akteure virulent. Inwieweit handeln Algorithmen autonom, selbstbestimmt und intentional? Sind sie kontrollier- und ihre Ergebnisse vorhersehbar? Können Algorithmen moralisch handeln? Welche gesellschaftlichen Herausforderungen ergeben sich aus einer ethischen Perspektive und wie können diese bewältigt werden?“ So ein Flyer zu einer Veranstaltung, die den Titel „Die Macht der Algorithmen: Werkzeuge oder Akteure?“ trägt und am 22. November 2016 von 18:15 – 19:45 Uhr an der Universität Zürich stattfindet. Und weiter: „Nach einer thematischen Einführung durch Prof. Dr. Michael Latzer (IPMZ – Abt. Medienwandel & Innovation, UZH) folgen Inputreferate zur Einschätzung der Macht der Algorithmen aus technischer und ethischer Perspektive durch Prof. Dr. Thomas Hofmann (Data Analytics Lab, Departement Informatik, ETH Zürich) und Prof. Dr. Oliver Bendel (Institut für Wirtschaftsinformatik, Hochschule für Wirtschaft, FHNW).“

Krieg und Spiele

Der RFF REAL FICTION FILMVERLEIH informiert in einer Pressemitteilung über den Kinostart der Dokumentation „Krieg und Spiele“ von Karin Jurschick am 18. August 2016. „Die unbemannten Kriegsroboter der Zukunft sind nach dem Vorbild von Tieren gebaut. Perfekte Maschinen, die im Wasser, an Land und in der Luft die Bewegung jeder Maus und jedes Menschen erfassen. Und sie können töten. Autonom. Diese technische Entwicklung verändert jetzt schon die Kriege und unsere Vorstellungen von Ethik und Moral. Ja: unsere Stellung als Menschen in der Welt. Werden am Ende die Maschinen sogar die besseren Entscheidungsträger?“ (Information RFF) Weiter heißt es: „Bringt uns die neue, aus der Ferne steuerbare Kriegstechnologie Aufklärung und Sicherheit, wie es die herstellende Industrie und die Regierungen versprechen, oder macht sie die Version eines totalen Überwachungsstaates möglich? Und was ist mit denen da unten, den Menschen im Fadenkreuz?“ (Information RFF) Nicht zuletzt werden zentrale moralische und rechtliche Fragen angesprochen: „Was passiert mit dem Begriff der Schuld, wenn Maschinen autonom töten? Wer ist verantwortlich, wenn sie einen Fehler machen?“ (Information RFF) Zu Wort kommen u.a. Peter W. Singer, Politikwissenschaftler, Ronald Arkin, Robotiker und Maschinenethiker, Daniel Statman, Moralphilosoph, und Yvonne Hofstetter, KI-Expertin. Weitere Informationen zum Film über realfictionfilme.de.

Kampfflufzeug

Abb.: Ein bemanntes Kampfflugzeug

Ethik und Stochastik

Anfang Juni 2016 führte Hansjörg Schmid von der Zeitschrift Apunto, die sich an die Angestellten in der Schweiz richtet, ein Interview mit dem Maschinenethiker und Wirtschaftsinformatiker Oliver Bendel. Dieses ist Anfang August unter dem Titel „Von moralischen und unmoralischen Maschinen“ online erschienen. Oliver Bendel skizziert die Aufgaben der Maschinenethik als Gestaltungsdisziplin. Dazu gehören nicht nur Konzepte und Prototypen moralischer, sondern auch unmoralischer Maschinen. Es geht nicht nur darum, Technik zu zähmen, zu dressieren und zu bändigen, nicht nur darum, sie das Gute wählen zu lassen, sondern auch darum, sie zu entfesseln, sie das Böse tun zu lassen, um dieses – als Resultat der Maschine – besser zu verstehen. Denn was bedeutet es, wenn ein neuartiges Subjekt der Moral, ein alleingelassenes, auf sich selbst gestelltes Artefakt, etwas tun kann, das wir als unmoralisch oder moralisch bezeichnen? Was bedeutet es, wenn zwar kein guter oder böser Willen im engeren Sinne vorhanden ist, aber eine Willenssimulation, eine Zielorientiertheit und Absichtserklärung, verbunden etwa mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in Bezug auf das Gute oder Böse? Der LÜGENBOT, der im Gespräch erwähnt wird, verfügt nicht nur über ausgefeilte Strategien, die Unwahrheit zu sagen, sondern verbindet diese auch mit stochastischen Verfahren; man kann ihm beibringen, bestimmte Lügen jeweils mit einer mittleren oder einer hohen Wahrscheinlichkeit zu produzieren. Das Interview kann über apunto-online.ch/gesellschaft/showData/von-moralischen-und-unmoralischen-maschinen nachgelesen werden.

Maschinenethik an der Schweizer Börse

Heutige Roboter vermögen selbstständig Entscheidungen zu treffen, die erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen, in sozialer und moralischer Hinsicht. Die teilautonomen und autonomen Maschinen werden von sozialer Robotik und Maschinenethik gezähmt, dressiert und zivilisiert. Autos erkennen Menschen und Tiere und bremsen rechtzeitig vor ihnen ab. Industrieroboter bewegen sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die Fabrikhallen und behandeln uns in Kooperationszellen wie rohe Eier. Pflegeroboter bringen uns Medikamente und betten uns um. Auch Computer an der Börse – Stichwort „Algorithmic Trading“ – wären ein möglicher Gegenstand für das „Moralisieren“. In seinem Vortrag an der wichtigsten unabhängigen Börse Europas (SIX Swiss Exchange) am 17. Februar 2016 ging Oliver Bendel – nach einem kurzen Blick in die Ideen- und Entwicklungsgeschichte – auf aktuelle Entwicklungen in Robotik und KI und auf die Disziplin der Maschinenethik ein und stellte einfache moralische Maschinen vor, mitsamt den annotierten Entscheidungsbäumen für ihre Umsetzung. Auch komplexe moralische Maschinen und mit ihnen zusammenhängende Dilemmata wurden erwähnt und veranschaulicht. Der Forscher plädierte zuletzt nicht nur für eine Erweiterung, sondern auch für eine Beschränkung der Maschinen.

Beitrag zu interaktiven Werbeflächen

„Interaktive Werbeflächen sind Plakate, Terminals, Säulen etc., die sich automatisch auf Passanten, Besucher, Kunden und Interessierte einstellen und mit diesen in eine Interaktion treten. Teilweise werden Bewegungsmelder sowie Bild- und Mustererkennung zur Bestimmung von Geschlecht, Größe und Alter verwendet.“ So beginnt ein neuer Beitrag von Oliver Bendel für das Wirtschaftslexikon von Springer Gabler. Die interaktiven Werbeflächen zeigen Männern und Frauen, Großen und Kleinen, Jungen und Alten unterschiedliche Werbung. Dabei werden natürlich auch Klischees bedient. Am Ende wird die Perspektive der Ethik eingenommen: „Interaktive Werbeflächen können in die Privatsphäre eingreifen, selbst in öffentlichen Bereichen, und das Persönlichkeitsrecht verletzen sowie die informationelle Autonomie beschädigen. Dies ist Thema der Informationsethik. Die Maschinenethik fragt nach moralisch adäquaten Entscheidungen der Plakate und Terminals, die Medienethik nach der Reizüberflutung im (teil-)öffentlichen Raum.“ Der Beitrag ist am 2. Dezember 2015 erschienen und kann über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/interaktive-werbeflaechen.html aufgerufen werden.

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Abb.: Unterschiedliche Werbung für Frauen und Männer

20 Artikel zur Maschinenethik

Im Folgenden eine Zusammenstellung von 20 Artikeln, die Oliver Bendel von 2012 – 2014 zur Maschinenethik und zur Roboterethik geschrieben hat. Fast alle sind online verfügbar und hier verlinkt. Beiträge zur Informationsethik sind an dieser Stelle nicht aufgeführt.

Bendel, Oliver. Wirtschaftliche und technische Implikationen der Maschinenethik. In: Die Betriebswirtschaft, 4/2014. S. 237 – 248.

Bendel, Oliver. Towards Machine Ethics. In: Technology Assessment and Policy Areas of Great Transitions. 1st PACITA Project Conference, March 13 – 15, 2013. Prague, Czech Republic. S. 321 – 326. Auch als PDF erhältlich.

Bendel, Oliver. Human Enhancement. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler/Springer, Wiesbaden 2014. Über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/human-enhancement.html.

Bendel, Oliver. Maschinenethik in der Industrie 4.0: Plädoyer für einfache moralische Maschinen. In: Wissenschaftsjahr 2014 – Die Digitale Gesellschaft, 12. Juni 2014. Über http://www.digital-ist.de/experten-blog/maschinenethik-in-der-industrie-40.html.

Bendel, Oliver. Für wen bremst das Roboterauto? In: Computerworld.ch, 16. Mai 2014. Über http://www.computerworld.ch/marktanalysen/studien-analysen/artikel/.

Bendel, Oliver. Fahrerassistenzsysteme aus ethischer Sicht. In: Zeitschrift für Verkehrssicherheit, 2/2014. S. 108 – 110.

Bendel, Oliver. Das Tier als Objekt der Moral der Maschine: Zum Verhältnis von Tier- und Maschinenethik. In: Telepolis, 2. Januar 2014. Über http://www.heise.de/tp/artikel/40/40684/.

Bendel, Oliver. Considerations about the Relationship between Animal and Machine Ethics. In: AI & SOCIETY, Dezember 2013 (“Online-First”-Artikel auf SpringerLink).

Bendel, Oliver. Ich bremse auch für Tiere: Überlegungen zu einfachen moralischen Maschinen. In: inside-it.ch, 4. Dezember 2013. Über http://www.inside-it.ch/articles/34646.

Bendel, Oliver. Buridans Robot: Überlegungen zu maschinellen Dilemmata. In: Telepolis, 20. November 2013. Über http://www.heise.de/tp/artikel/40/40328/1.html.

Bendel, Oliver. Der Lügenbot und andere Münchhausen-Maschinen. In: CyberPress, 11. September 2013. Über http://cyberpress.de/wiki/Maschinenethik.

Bendel, Oliver. Dr. Robot entdeckt die Moral: Maschinen- und Menschenethik im Gesundheitsbereich. In: IT for Health, 02/2013. S. 2 – 4. Auch als PDF erhältlich.

Bendel, Oliver. Einfache moralische Maschinen. In: KMU Business World, 30. August 2013. Über http://www.kmu-businessworld.ch/de/content/einfache-moralische-maschinen.

Bendel, Oliver. Asimovs Automatobile: Selbstständig fahrende Autos in Fiktion und Realität und als Gegenstand der Maschinenethik. In: Telepolis, 27. August 2013. Über http://www.heise.de/tp/artikel/39/39728/1.html.

Bendel, Oliver. Roboterethik. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler/Springer, Wiesbaden 2013. Über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/roboterethik.html.

Bendel, Oliver. Good bot, bad bot: Dialog zwischen Mensch und Maschine. In: UnternehmerZeitung, 7 (2013) 19. S. 30 – 31. Auch als PDF erhältlich.

Bendel, Oliver. Über gute und böse Maschinen: Möglichkeiten und Grenzen der Maschinenethik. In: ICTkommunikation, 5/2013. S. 28 – 30. Auch als PDF erhältlich.

Bendel, Oliver. Towards a machine ethics. In: Technology Assessment and Policy Areas of Great Transitions: Book of Abstracts. 1st PACITA Project Conference, March 13 – 15, 2013. Prague, Czech Republic. pp. 229 – 230. Über http://pacita.strast.cz/en/conference/documents.

Bendel, Oliver. Die Moral der Maschinen: Überlegungen zur Maschinenethik. In: inside-it.ch, 24. Oktober 2012. Über http://www.inside-it.ch/articles/30517.

Bendel, Oliver. Maschinenethik. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler/Springer, Wiesbaden 2012. Über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/maschinenethik.html.

Proceedings der TA-Konferenz

Zur ersten europäischen Tagung zur Technologiefolgenabschätzung sind im Juli 2014 die Proceedings erschienen. Sie können über die PACITA-Website kostenlos als PDF heruntergeladen werden und haben ca. 440 Seiten. Die von der EU getragene Konferenz fand im März 2013 in Prag statt. Im Buch ist, was ethische Fragen angeht, insbesondere „Part V – Facing New and Emerging Technologies“ relevant. Von Marie-des-Neiges Ruffo stammt der Beitrag „Why Autonomous Unmanned Aerial Vehicles Will Lose the War“, von Oliver Bendel „Towards Machine Ethics“ (Kapitel „Emerging Technologies and Ethics“). Im Kapitel „Privacy Aspects“ finden sich u.a. die Beiträge „Locating, Tracking and Tracing“ von Lorenz M. Hilty et al. und „Privacy Aspects of Social Networks – An Overview“ von Stefan Strauß und Michael Nentwich. Der Band kann auch in gedruckter Form erworben werden. Weitere Informationen über die PACITA-Website.

Drohne

Abb.: Drohne im Anflug

Über die Algorithmenethik

In einem Interview mit der TAZ vom 10. August 2013 spricht Yvonne Hofstetter auch über die Moral von Algorithmen. Die Geschäftsführerin der Teramark Technologies GmbH wird gefragt: „Algorithmen sind im Grunde Roboter. Gibt es für sie eine Ethik?“ Sie antwortet: „Die Technologen beschäftigen sich mit diesen Fragen. Welche Ethik, welche Moralvorstellungen brauchen wir? Was kann man in die Maschinen hinein programmieren? Aus der philosophischen Ecke, also von denen, die sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigen, kommt hingegen nichts oder wenig. Die Philosophie sieht offenbar noch nicht, dass eine Sturzwelle an intelligenten Technologien auf uns zurollt.“ Nun ist die Maschinenethik in den USA, in Kanada, Australien, Japan und Holland eine weit entwickelte Disziplin, zu der KI-Experten genauso beitragen wie Philosophen. Die Informationsethik, die sich auf die moralischen Implikationen des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien bezieht, ist gar eine traditionsreiche Disziplin, auch in Bezug auf Algorithmen und Maschinen. Es ist aber in der Tat so, dass im deutschsprachigen Raum erheblicher Nachholbedarf besteht, dass die Ethik von Lobbyorganisationen bekämpft und von Kirchen missbraucht wird. Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen der Maschinenethik (begriffen als Pendant zur Menschenethik) und der Informationsethik, die Computer-, Netz- und Neue-Medien-Ethik umfasst. Beide sind wichtig, wobei die eine eher technologiegestaltend, die andere eher problemanalysierend und lebensgestaltend unterwegs ist und in gewisser Weise gilt: Die Informationsethik löst die Probleme, die die Maschinenethik verursacht.