Schlagworte: Künstliche Kreaturen

Künstliche Kreaturen

Vor zehn Jahren – also 2008 – ist „Künstliche Kreaturen“ von Oliver Bendel im Leipziger Literaturverlag (Edition ERATA) erschienen. Wie der Titel andeutet, ein Roman (auch) über die Ideen- und Entwicklungsgeschichte von Menschmaschinen und Tierartefakten, über Talos, Pandora und die Androiden aus Frankreich und der Schweiz. Aus dem Klappentext: „Anna Wede wird auf eine Professur an einer Schweizer Hochschule berufen. Sie liebt ihre Wohnung, von der aus sie auf einen mächtigen Berg blickt, sie ist fasziniert von der ins Hochtal gelegten Stadt. Nicht zum ersten Mal hält sie ihre Vorlesung zur künstlichen Kreatur, in der sie auf Ideen der Antike ebenso eingeht wie auf Agenten und Avatare der Gegenwart. Lydie ist eine aufmerksame und zielstrebige schweizerische Studentin. Ihre Einladung zum Weintrinken in einem Lokal schlägt Anna nicht ab. Sie nähern sich an, vor allem körperlich und äußerlich. Die Studentin könnte Annas Phantasie entsprungen sein. Aber ihre Macht über die Professorin ist real.“ Das Buch kann u.a. als E-Book über alle bekannten Kanäle bezogen werden.

Abb.: Ein Roman über künstliche Frauen und Männer

Von Talos bis Pandora

„Einer meiner Lieblingsgötter ist Hephaistos, der Schöpfer von Talos und Pandora. Über die Frau mit der Büchse muss man kaum ein Wort verlieren. Talos ist weniger bekannt, obwohl er als Spielzeug bis in unsere Gegenwart überdauert hat. Er, der Wächter von Kreta, bewarf herannahende Boote mit Steinen, bis sie mitsamt den Feinden untergingen. Wenn diese doch das Ufer erreichten, drückte er sie an seinen metallenen Körper, der inzwischen glühte. Das erinnert an eine andere künstliche Figur, die eiserne Jungfrau des Nabis – doch bleiben wir bei Talos.“ Mit diesen Worten beginnt ein Beitrag von Oliver Bendel, der am 16. Juli 2017 in der Beilage Sonntag – und damit in Zeitungen wie Hannoversche Allgemeine und Leipziger Volkszeitung – erschienen ist. Von den erdachten Maschinen und Robotern der Antike wird ein Bogen gespannt bis zu selbstfahrenden Autos. Und zur Maschinenethik, die die Möglichkeiten moralischer Maschinen erkundet. Diese sind ein Topos der Ideengeschichte der künstlichen Kreatur, und ganz gegensätzliche Geschöpfe wie Galatea und Golem treffen sich einerseits in ihrer Sprachlosigkeit und Tumbheit, andererseits auch in ihren Möglichkeiten moralischen oder unmoralischen Handelns. Während Galatea weitgehend Projektionsfläche und Gebärmaschine bleibt, wird der Golem in einer Version zur Zerstörungsmaschine, losgelassen auf Prag. Der Beitrag mit dem Titel „Maschine entmündigt Mensch“ (ursprünglich: „Von Talos bis Pandora“) kann etwa über http://www.haz.de/Sonntag/Gastkommentar/Maschine-entmuendigt-Mensch-Gastbeitrag-von-Oliver-Bendel aufgerufen werden; zudem steht über diese Plattform ein PDF zur Verfügung.

maschinenethik.net wird zwei

maschinenethik.net feiert. Über 100 Beiträge im Blog, ein Literaturverzeichnis zur Maschinenethik und DAS KLEINE LEXIKON DER MASCHINENETHIK (ein Extrakt aus dem KLEINEN LEXIKON DER INFORMATIONSETHIK) mit ca. 80 Begriffen – das ist die Bilanz nach zwei Jahren. In der Rubrik „Studien“ findet man Design- und Funktionsstudien im Kontext von Maschinenethik und sozialer Robotik. Betrieben werden Website und Blog seit Mai 2013 von Oliver Bendel. Es handelt sich um ein privates Projekt. Es gibt keine Werbung, wenn man von dem Verweis auf den Roman „Künstliche Kreaturen“ absieht. In der Rubrik „Unterstützung“ heißt es: „Sie können maschinenethik.net unterstützen, indem Sie News – etwa zu Projekten, Studien und Tagungen – an uns weiterleiten, uns Bildmaterial schicken oder Forschungs- und Entwicklungskooperationen mit uns eingehen. Nutzen Sie die E-Mail-Adresse, die im Impressum angegeben ist!“ maschinenethik.net ist übrigens auch über roboterethik.net erreichbar. Die beiden Begriffe werden im erwähnten Lexikon erklärt und abgegrenzt. Man darf gespannt sein, wo maschinenethik.net im Jahre 2016 steht.

Isolated wind turbines

Abb.: Stellt sich die Anlage ab, wenn sich ein Schwarm nähert?

Drohnen, Roboter, Avatare

Die Ideen- und Entwicklungsgeschichte ist reich an künstlichen Kreaturen. In Mythos und Fiktion sind Talos und Pandora zu verorten, die Geschöpfe des Gottes der Schmiede, als Hephaistos bekannt, die Automatenmenschen des Daidalos, die Skulptur des Pygmalion, berühmt geworden als Galatea, die eiserne Jungfrau des Nabis; die Puppe Olimpia aus Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, der Homunculus aus Goethes „Faust“, Handygirl aus der gleichnamigen Handyromanserie von Oliver Bendel; die künstliche Maria aus „Metropolis“, die Replikanten aus „Blade Runner“. Die Realität war zunächst verbunden mit der Illusion. Von ca. 1500 bis 1850 wurden tier- und menschenähnliche Automaten erdacht bzw. vorgeführt. Dann, nach weiteren 150 Jahren, plötzlich die Realität ohne doppelten Boden: Es werden Roboter erschaffen, die den Menschen nicht nur zum Verwechseln ähnlich sehen, sondern auch selbstständig Entscheidungen mit sozialen und moralischen Implikationen treffen. Sie werden von sozialer Robotik und Maschinenethik gezähmt, dressiert und zivilisiert. Oliver Bendel macht am 21. April 2015 am Deutschen Seminar der Universität Zürich deutlich, dass manche Chatbots, Serviceroboter und Fotodrohnen die falsche Entscheidung treffen werden. Oder eine Entscheidung, die interessengeleitet ist. Roboterautos, die Kinder schonen und Rentner umfahren, werden seiner Ansicht nach für Diskussionen sorgen. Der Vortrag findet von 10.15 bis 12.00 Uhr im Rahmen der Vorlesung „Angewandte Linguistik“ von Prof. Dr. Christa Dürscheid statt (Schönberggasse 9, 8001 Zürich, Raum SOD-1-101) und trägt den Titel „Drohnen, Roboter, Avatare. Künstliche Wesen zwischen Ethik und Ästhetik“.

girls

Abb.: Mädchen beim Lesen