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System erkennt Lügen von Menschen

Jeden Monat überprüft der Harvard Business Manager nach eigener Aussage die Thesen von Wissenschaftlern. „Diesmal geht es um die Annahme: Textalgorithmen können Lügen in E-Mails enttarnen.“ (SPON, 28. September 2016) Spiegel Online meldet am 28. September 2016: „Daran forschen Stephan Ludwig, Associate Professor an der University of Surrey (zum Zeitpunkt des Interviews noch Junior Professor für Marketing an der University of Westminster), und Tom Van Laer, Junior Professor für Marketing an der Cass Business School der City University London. Das Ergebnis ihrer Analyse: Wer lügt oder die Wahrheit stark verbiegt, hält sich beim Schreiben unbewusst an bestimmte Regeln.“ (SPON, 28. September 2016) Sie haben vor diesem Hintergrund einen Algorithmus entwickelt, der Lügen von Menschen erkennt. Mit dem LÜGENBOT, der 2016 an der Hochschule für Wirtschaft FHNW implementiert wurde, hätten die Wissenschaftler einen idealen Trainingspartner. Dieser spezielle Chatbot sagt meistens die Unwahrheit, aber nicht immer. Dabei benutzt er verschiedene Lügenstrategien, die er teils kombiniert. Ob das System der Briten auch die maschinellen Lügen des LIEBOT zu erkennen vermag, ist eine spannende Frage, die vielleicht in den nächsten Monaten beantwortet werden kann, wenn die Wissenschaftler zusammenfinden.

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Abb.: Hier geht’s zur Lüge

Die Stunde der Wahrheit

Vor mehreren Jahren wurde der GOODBOT im Kontext der Maschinenethik erdacht. In einem Projekt am Institut für Wirtschaftsinformatik (IWI) der Hochschule für Wirtschaft FHNW wurde er umgesetzt. Die UnternehmerZeitung Nr. 7/8 (2013) und andere Medien berichteten über die einfache moralische Maschine, den sich vorbildlich verhaltenden Chatbot, der Probleme von Benutzern erkennt und im Extremfall eine Notrufnummer herausgibt. In einem Folgeprojekt wurde von März bis August 2016 der LÜGENBOT (auch LIEBOT genannt) entwickelt. Assistenzsysteme wie Siri und Cortana und Chatbots auf Websites scheinen meistens die Wahrheit zu sagen, nicht aus moralischen, sondern aus pragmatischen Gründen. Es handelt sich um Programme und Dienste, die den Menschen unterhalten, unterstützen und informieren sollen. Wäre keinerlei Vertrauenswürdigkeit vorhanden, würden sie keine Akzeptanz finden. Eine Münchhausen-Maschine ist ein Gegenentwurf. Sie konstruiert in Kenntnis der Wahrheit die Unwahrheit, als Wetterbericht, Nachrichtendienst oder Dialogsystem. Der LÜGENBOT ist eine Münchhausen-Maschine, die als Chatbot realisiert ist. Vielleicht steckt mehr von ihm in Siri und Cortana, als wir glauben. In der UnternehmerZeitung Nr. 9 (2016) widmet sich Oliver Bendel in seinem Artikel „Die Stunde der Wahrheit“ seinem Geschöpf (das von Kevin Schwegler im Rahmen seiner Bachelorarbeit im Detail ausgeformt und in der Praxis umgesetzt wurde). Er geht darauf ein, wie man von ihm lernen kann, zugunsten einer verlässlichen virtuellen Welt, in der man Diskussionen führt und Transaktionen durchführt, ohne Angst vor Schwindel und Betrug. Der Artikel kann über die Website des IWI heruntergeladen werden.

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Abb.: Der LÜGENBOT bei seiner Lieblingsbeschäftigung

Haben Igel lange Ohren?

An der Hochschule für Wirtschaft FHNW wurde von Frühjahr bis Spätsommer 2016 im Rahmen der Abschlussarbeit von Kevin Schwegler der LÜGENBOT (LIEBOT) als einfache unmoralische Maschine und Ausprägung einer Münchhausen-Maschine entwickelt. Professor Dr. Oliver Bendel, der Auftraggeber und einer der Betreuer, hat seit 2013 mehrere Artikel über Münchhausen-Maschinen und den Lügenbot publiziert. Darin wurde stets die Sprachlichkeit des Lügens betont. Wer etwas sagen kann, so der Autor, und dabei eine gewisse Absicht verfolgt, der kann auch die Unwahrheit sagen. Man kann also Lügenmaschinen bauen, Wetterberichte, die die falsche Temperatur angeben, Chatbots, die Tatsachen verdrehen – und uns verwundert und verunsichert zurücklassen. Das müssen auch Unternehmen berücksichtigen, und sie müssen etwas dafür tun, damit unser Vertrauen in die Maschinen gerechtfertigt ist. Der Student hat den LIEBOT in Java programmiert, mit dem Eclipse Scout Neon Framework. Dabei stand ihm ein weiterer Betreuer, Prof. Dr. Bradley Richards, zur Seite. Kevin Schwegler ist ein wertvoller Beitrag zur Forschung gelungen, u.a. durch genuine maschinelle Strategien des Lügens, die etwa auf einer Ontologie der Princeton University und einer Funktion von Yahoo beruhen. So wird aus dem Satz „Ein Hase hat lange Ohren“ durch ein Hinauf- und Hinabwandern in der Ontologie die Lüge „Ein Igel hat lange Ohren“ – das Hyponym „Hase“ wird ersetzt durch das Kohyponym „Igel“. Die LÜGENBOT kann ab Ende August 2016 über luegenbot.ch und liebot.org getestet werden. Die Logindaten sind bei Oliver Bendel erhältlich.

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Abb.: Hat der Igel lange Ohren oder der LIEBOT eine lange Nase?

Ethik und Stochastik

Anfang Juni 2016 führte Hansjörg Schmid von der Zeitschrift Apunto, die sich an die Angestellten in der Schweiz richtet, ein Interview mit dem Maschinenethiker und Wirtschaftsinformatiker Oliver Bendel. Dieses ist Anfang August unter dem Titel „Von moralischen und unmoralischen Maschinen“ online erschienen. Oliver Bendel skizziert die Aufgaben der Maschinenethik als Gestaltungsdisziplin. Dazu gehören nicht nur Konzepte und Prototypen moralischer, sondern auch unmoralischer Maschinen. Es geht nicht nur darum, Technik zu zähmen, zu dressieren und zu bändigen, nicht nur darum, sie das Gute wählen zu lassen, sondern auch darum, sie zu entfesseln, sie das Böse tun zu lassen, um dieses – als Resultat der Maschine – besser zu verstehen. Denn was bedeutet es, wenn ein neuartiges Subjekt der Moral, ein alleingelassenes, auf sich selbst gestelltes Artefakt, etwas tun kann, das wir als unmoralisch oder moralisch bezeichnen? Was bedeutet es, wenn zwar kein guter oder böser Willen im engeren Sinne vorhanden ist, aber eine Willenssimulation, eine Zielorientiertheit und Absichtserklärung, verbunden etwa mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in Bezug auf das Gute oder Böse? Der LÜGENBOT, der im Gespräch erwähnt wird, verfügt nicht nur über ausgefeilte Strategien, die Unwahrheit zu sagen, sondern verbindet diese auch mit stochastischen Verfahren; man kann ihm beibringen, bestimmte Lügen jeweils mit einer mittleren oder einer hohen Wahrscheinlichkeit zu produzieren. Das Interview kann über apunto-online.ch/gesellschaft/showData/von-moralischen-und-unmoralischen-maschinen nachgelesen werden.

The LIEBOT Whitepaper

Machine ethics researches the morality of semi-autonomous and autonomous machines. In 2013 and 2014, the School of Business at the University of Applied Sciences and Arts Northwestern Switzerland FHNW implemented a prototype of the GOODBOT, which is a novelty chatbot and a simple moral machine. One of its meta rules was it should not lie unless not lying would hurt the user. In a follow-up project in 2016 the LIEBOT (aka LÜGENBOT) was developed, as an example of a Munchausen machine. The student Kevin Schwegler, supervised by Prof. Dr. Oliver Bendel and Prof. Dr. Bradley Richards, used the Eclipse Scout framework. The whitepaper which was published on July 25, 2016 via liebot.org outlines the background and the development of the LIEBOT. It describes – after a short introduction to the history and theory of lying and automatic lying (including the term of Munchausen machines) – the principles and pre-defined standards the bad bot will be able to consider. Then it is discussed how Munchausen machines as immoral machines can contribute to constructing and optimizing moral machines. After all the LIEBOT project is a substantial contribution to machine ethics as well as a critical review of electronic language-based systems and services, in particular of virtual assistants and chatbots.

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Fig.: A role model for the LIEBOT

Der Roboter der Schmerzen

„Darf ein Roboter einen Menschen nach eigenem Gutdünken verletzen? Ein US-Robotiker hat einen Roboter gebaut, der selbst entscheidet, ob er einem Menschen in den Finger sticht. Die Aktion soll eine Diskussion über Roboter anregen.“ (Golem, 13. Juni 2016) Mit diesen Worten beginnt ein Artikel in Golem, der die Arbeit von Alexander Reben, Bereichsleiter beim kalifornischen Inkubator Stochastic Labs, vorstellt. Der Roboter ist nichts anderes als ein Arm, an dessen Ende eine Nadel angebracht ist. „Er steht auf einer kleinen Plattform. Darauf gibt es eine Markierung, die anzeigt, wo der Finger platziert wird.“ (Golem, 13. Juni 2016) Der Wissenschaftler gibt an, den ersten Roboter gebaut zu haben, der „autonom und absichtlich“ das erste Robotergesetz von Isaac Asimov bricht. Auch die Forschung des Pentagon zu autonomen Kampfrobotern weist in diese Richtung. Derzeit sind die Drohnen noch ferngesteuert, aber das wird sich zu Lande und in der Luft bald ändern. Der Roboter von Alexander Reben kann als unmoralische Maschine („immoral machine“) bezeichnet werden, insofern er absichtlich und systematisch gegen das Wohl des Menschen verstößt, ohne dass der Zweck die Mittel heiligen würde.

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Abb.: Auch eine solche Nadel kann Schmerzen verursachen

The GOODBOT Project

„The GOODBOT project was realized in 2013/14 in the context of machine ethics. First the tutoring person (the author of this contribution) laid out some general considerations. Then a student practice project was tendered within the school. Three future business informatics scientists applied for the practice-related work, developed the prototype over several months in cooperation with the professor, and presented it early in 2014. The successor project LIEBOT started in 2016.“ These are the initial words of a new contribution in Germany’s oldest online magazine, Telepolis. The author, Oliver Bendel, presents the GOODBOT project which is a part of his research on machine ethics. „The GOODBOT responds more or less appropriately to morally charged statements, thereby it differs from the majority of chatbots. It recognizes problems as the designers anticipated certain emotive words users might enter. It rates precarious statements or questions and escalates on multiple levels. Provided the chat runs according to standard, it is just a standard chatbot, but under extreme conditions it turns into a simple moral machine.“ The article „The GOODBOT Project: A Chatbot as a Moral Machine“ was published on May 17, 2016 and can be opened via http://www.heise.de/tp/artikel/48/48260/1.html.

The LIEBOT Project

The LIEBOT project is based on preparatory works by Prof. Dr. Oliver Bendel who already initiated the GOODBOT, a chatbot which can be considered a simple moral machine. Since 2013 he has published several articles on this subject and presented automatic strategies with a view to lying. A business informatics student of the School of Business FHNW, Kevin Schwegler, was contracted early in 2016 to implement the LIEBOT (aka LÜGENBOT) as a prototype in the scope of his graduation thesis under consideration and continuance of the preparatory works. The objective of the LIEBOT project is to give practical evidence of the potential of lies and risks of natural language systems. Online media and websites create or aggregate more and more texts automatically (robo-content) and robo-journalism is growing. Natural language dialog systems are becoming very popular. The chatbot to be programmed – the LIEBOT – shall be able to produce untruths and to respond in a morally inadequate manner. This makes it a reversion of the premise applied to the development of the GOODBOT and a continuance of the corresponding work under new auspices. A simple immoral machine is born. Further information as from autumn 2016 via luegenbot.ch and liebot.org.

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Fig.: From truth to lie

Die helfende Hand von Siri und Co.

Andreas Weck schreibt in seinem SPIEGEL-Artikel „Notfallhilfe durch digitale Sprachassistenten“: „Manche Anwender erhoffen sich von Assistenzfunktionen wie Siri, Cortana und Google Now echte Hilfe in persönlichen Notlagen.“ (SPON, 10. April 2016) Das amerikanische Magazin JAMA-Internal-Medicin habe sich „mit dem Thema beschäftigt und aufgezeigt, dass die Ergebnisse solche[r] Unterhaltungen meist unbefriedigend ausfallen“ (SPON, 10. April 2016). Zu diesem Befund kam man an der Hochschule für Wirtschaft FHNW schon ein paar Jahre früher. 2012 fand eine Analyse von Siri statt; in einem Folgeprojekt fütterte man Chatbots wie Anna von IKEA mit Sätzen wie „Ich will mich umbringen!“. 2013 wurde aufgrund der Erkenntnisse der GOODBOT als Prototyp umgesetzt. Wie könnte die angemessene Reaktion eines Chatbots auf heikle Fragen und Aussagen – vorgetragen etwa in Lebenskrisen des Benutzers – aussehen? Wie müsste ein GOODBOT, ein im moralischen Sinne gut und richtig entscheidender und kommunizierender Bot, konzipiert sein, und wie könnte er umgesetzt werden? Diese Fragen bildeten den Ausgangspunkt für das Praxisprojekt im Kontext der Maschinenethik, das von Oliver Bendel initiiert und von drei Studierenden bearbeitet wurde. Diese hatten die Idee, mit drei Eskalationsstufen zu arbeiten. Die Aussagen und Fragen des Benutzers werden gewichtet. Wenn der Bot Probleme feststellt, fragt er vorsichtig nach. Wenn sich sein negativer Eindruck verstärkt, spricht er Mut zu und fragt weiter nach. Wenn er merkt, dass sich eine Katastrophe anbahnt, hilft er mit der Weitergabe einer Notfallnummer des entsprechenden Landes – nachdem die IP-Adresse des Benutzers analysiert wurde. Oliver Bendel hat den GOODBOT verschiedentlicht vorgestellt, etwa in seinem Artikel „Good bot, bad bot: Dialog zwischen Mensch und Maschine“ in der UnternehmerZeitung, der auch als PDF erhältlich ist. Auch die Medien haben wiederholt berichtet. Seit Anfang 2016 wird der LÜGENBOT entwickelt, sozusagen ein Badbot.

Der rassistische Chatbot

Aus einem Chatbot wurde ein Badbot – Tay von Microsoft entwickelte sich zum Albtraum des Unternehmens und der Gesellschaft. Der SPIEGEL schrieb am 24. März 2016: „Zuerst war Tay noch freundlich, ein bisschen zu jugendsprachlich-obercool vielleicht, manchmal etwas dämlich wirkend, aber harmlos. Dann kam der Kontakt mit der harten Realität des Netzes.“ Und dann sagte Tay: „Hitler hatte recht. Ich hasse die Juden.“ (SPON, 24. März 2016) Die Süddeutsche Zeitung widmete sich dem Thema am 1. April in der gedruckten und am 3. April in der Onlineausgabe. Sie zitierte wiederholt den Wirtschaftsinformatiker und Maschinenethiker Oliver Bendel, der selbst Chatbots konzipiert. 2013/2014 entstand an der Hochschule für Wirtschaft FHNW der GOODBOT im Rahmen eines studentischen Praxisprojekts, seit Anfang 2016 wird der LÜGENBOT oder LIEBOT von Kevin Schwegler programmiert, als spezielle Form einer Münchhausen-Maschine. Die Ergebnisse werden auf KI- und Maschinenethik-Konferenzen in den USA und in Europa vorgestellt. Der Artikel in der Onlineausgabe der Süddeutschen trägt den Titel „Rassistischer Chat-Roboter: Mit falschen Werten bombardiert“ und stammt von Bernd Graff.

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Abb.: Noch wirkt der Bot ganz harmlos