Schlagwörter: Maschinenethik

Wer gibt, wer nimmt uns Lebenszeit?

Die Juli-Ausgabe der Zeitschrift National Geographic bringt den ersten Teil einer dreiteiligen Serie zur Künstlichen Intelligenz. Auf 14 Seiten widmet man sich der Arbeit von Oliver Bendel. Der Informations- und Maschinenethiker lebt und arbeitet in der Schweiz. Er stand dem Chefredakteur Florian Gless und der Redakteurin Ines Bellinger Rede und Antwort. Zudem gibt es eine Graphic Novel zu aktuellen Entwicklungen und den entsprechenden Überlegungen von Oliver Bendel. Ein Glossar zur KI rundet den Beitrag ab. Die Fotos stammen von Elias Hassos, der u.a. Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser porträtiert hat. „Wir können in der Hängematte liegen“ – so lautet die Überschrift des Beitrags. Oliver Bendel ist der Meinung, dass uns Roboter unterstützen und entlasten können. Dass Menschen die besten Jahre des Lebens und die besten Stunden des Tages einem Unternehmen schenken, das ihnen womöglich nicht einmal sympathisch ist, hält er für eine Ideologie, die man hinterfragen kann. Vielleicht reichen vier Stunden am Tag für den Lebensunterhalt, wenn ein Grundeinkommen dazukommt. Denn die Gewinne werden weiter erzielt, mit Hilfe von Robotik und Künstlicher Intelligenz auch ohne die Arbeiter und Angestellten. Sie müssen nur gerecht verteilt werden. Weitere Informationen über www.nationalgeographic.de.

Abb.: Wer gibt, wer nimmt uns Lebenszeit?

Es gibt keine Lösung

Im Technoseum in Mannheim diskutierten am 21. Juni 2017 ab 18 Uhr Dr. Thomas Meyer, KIT-Zentrum für Mobilitätssysteme, und Prof. Dr. Oliver Bendel, Hochschule für Wirtschaft FHNW, zunächst zu technischen und rechtlichen Fragen rund um das automatisierte Fahren und das autonome Auto. Es moderierte Prof. Dr. Kurt Möser vom KIT. Oliver Bendel machte schon am Anfang seine Position klar: Vollautomatisiertes und autonomes Fahren gehört auf die Autobahn, nicht in den Stadtverkehr, außer man führt eine starke Geschwindigkeitsbeschränkung und spezielle Fahrspuren ein, was vor allem für Shuttles ein probates Mittel ist. Als die Abteilungsleiterin Öffentlichkeitsarbeit, Dr. Stefanie Roth, nach der Lösung für moralische Dilemmata fragte, wurde das im Titel der Veranstaltung versprochene ethische Thema aufgegriffen. Wen soll das Auto bei einem Unfall töten, wen nicht? Oliver Bendel konnte als Maschinenethiker den Kreis mit einem klaren Statement schließen: Es gibt keine Lösung. Das Auto sollte klassische und unklassische Dilemmata und überhaupt Situationen, in denen es um Leben und Tod mehrerer Menschen geht, nicht aufzulösen versuchen, weder durch Qualifizieren noch durch Quantifizieren. Genau deshalb gehört es auf die Autobahn, wo Fußgänger und Fahrradfahrer fehlen und wo man dank der integrierten und kommunizierenden Systeme für höchste Sicherheit sorgen kann. In der Stadt ist technisches und moralisches Scheitern vorprogrammiert. Dr. Thomas Meyer konnte aus der eigenen Arbeit am KIT und von den Einstellungen und Erwartungen der Ingenieure berichten. Erst gegen 20 Uhr löste sich die Veranstaltung ganz auf.

Abb.: Wenn sich die Kreuzung belebt, wird es schwierig

Dobrindts Kommission legt Bericht vor

Die „Ethikkommission“, die Alexander Dobrindt eingesetzt hat, hat nach neun Monaten ihren Bericht vorgelegt. Einerseits ging es um datenschutzrechtliche und informationsethische, andererseits um maschinenethische Fragen im Kontext des automatisierten Fahrens. Die Kommission war, wie üblich in Deutschland, vor allem mit Vertretern von Interessengruppen besetzt, etwa von ADAC und Kirche. Philosophische Ethiker blieben in der Minderzahl. Laut finanznachrichten.de müssten Fahrzeughalter und -nutzer „grundsätzlich über Weitergabe und Verwendung ihrer anfallenden Fahrzeugdaten“ entscheiden dürfen. Die Zulassung von automatisierten Systemen sei nur vertretbar, „wenn sie im Vergleich zu menschlichen Fahrleistungen zumindest eine Verminderung von Schäden im Sinne einer positiven Risikobilanz verspricht“. „So müssten Sach- und Tierschäden bei Unfällen immer Vorrang vor dem Personenschaden haben.“ (finanznachrichten.de, 20. Juni 2017) Dies war bereits eine Vorgabe von Alexander Dobrindt gewesen. Grundsätzlich müssten, so die Zeitung, die Systeme so programmiert sein, dass es nicht zu Unfällen kommt. Genau dies ist aber nicht möglich, und nicht nur die Software ist das Problem, sondern auch die Hardware im weitesten Sinne. „Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung nach persönlichen Merkmalen … strikt untersagt. Eine Aufrechnung von Opfern ist untersagt. Eine allgemeine Programmierung auf eine Minderung der Zahl von Personenschäden kann vertretbar sein. Die an der Erzeugung von Mobilitätsrisiken Beteiligten dürfen Unbeteiligte nicht opfern“, heiße es in dem Bericht (finanznachrichten.de, 20. Juni 2017). Das Qualifizieren wird also abgelehnt (dies war auch eine Vorgabe des Bundesverkehrsministers), das Quantifizieren nicht grundsätzlich.

Roboterliebe am Goldsmiths

Der „Third International Congress on Love and Sex with Robots“ findet am 19. und 20. Dezember 2017 in London (Goldsmiths, University of London) statt. Damit wurde der selbe Ort wie 2016 gewählt, ein ungewöhnlicher, anziehender Ort, wo Kunst und Wissenschaft zusammenkommen. In einer Information vom 8. Juni 2017 heißt es: „Within the fields of Human-Computer Interaction and Human-Robot Interaction, the past few years have witnessed a strong upsurge of interest in the more personal aspects of human relationships with these artificial partners. This upsurge has not only been apparent amongst the general public, as evidenced by an increase in coverage in the print media, TV documentaries and feature films, but also within the academic community. The International Congress on Love and Sex with Robots provides an excellent opportunity for academics and industry professionals to present and discuss their innovative work and ideas in an academic symposium.“ (Information LSR 2017, 8. Juni 2017) Papers sollen mindestens sieben Seiten umfassen und sich Themen wie „Entertainment Robots“, „Robot Personalities“, „Teledildonics“ und „Intelligent Electronic Sex Hardware“ widmen. Auch Informations- und Roboterethik sind mögliche Perspektiven. Das Buch mit den Beiträgen der letzten Konferenz ist Ende April 2017 bei Springer erschienen. Weitere Informationen über loveandsexwithrobots.org.

Abb.: Eine der goldenen Jungfrauen von Hephaistos?

Schlafen im Auto

Nele Würzbach von Noizz.de hat mit Oliver Bendel ein Interview zu autonomen Autos geführt, das am 5. Juni 2017 in dem Magazin aus Berlin veröffentlicht wurde. Eine Frage lautete, ob wir eines Tages während der Fahrt schlafen können. Die Antwort des Informations- und Maschinenethikers lautete: „Wenn wir das teil- und hochautomatisierte Fahren hinter uns gelassen haben und zum vollautomatisierten bzw. autonomen Fahren gekommen sind, können wir in der Tat während der Fahrt schlafen. Das Innenleben des Autos müsste entsprechend gestaltet werden, es bräuchte Liegesitze, verdunkelbare Scheiben etc. Es bräuchte zudem Konzepte für Gefahrensituationen. Vom Tiefschlaf bis zur vollen Denk- und Urteilsfähigkeit kann es eine Weile dauern. Ich denke, dass diese Vision bei PKW frühestens in zehn Jahren umgesetzt werden kann, und auch nur auf der Autobahn. Es sind übrigens nicht nur technische, sondern ebenso psychologische Aspekte zu bedenken. Man müsste ein Zutrauen zu den Fahrzeugen fassen, das dem Zutrauen zu Flugzeugen entspricht. Man müsste lernen, in einer Situation zu schlafen, die bisher unsere höchste Aufmerksamkeit beansprucht hat.“ Der Beitrag mit dem Titel „Kann man bald am Steuer schlafen?“ – davon, dass es auch künftig noch ein Steuer gibt, kann ausgegangen werden – kann über noizz.de/motor/wie-realistisch-ist-autonomes-fahren-wirklich/cd96p7y aufgerufen werden.

Abb.: In diesem Auto konnte man schon früher schlafen

Die Co-Robots kommen

Kooperation ist Zusammenarbeit, insbesondere auf wissenschaftlichem, politischem oder wirtschaftlichem Gebiet. Typisch ist ein hoher Grad an Arbeitsteilung bei gleichzeitigem Vorliegen eines gemeinsamen Ziels. Bei Kollaboration ist ein hoher Grad an unmittelbarer Zusammenarbeit gegeben. Die Tätigkeiten greifen ineinander und bauen aufeinander auf. Mit Blick auf die Industrie spricht man von Kooperations- oder Kollaborationsrobotern, abkürzend und verallgemeinernd von Co-Robots und Cobots. Die Bedeutungsunterschiede nimmt man mal mehr, mal weniger ernst. In der Regel sind Kooperation und Kollaboration mit Menschen gemeint. Auch unter Maschinen können sie stattfinden, aber dort sind sie auf einem gewissen Niveau üblich und verbreitet, während die enge Zusammenarbeit zwischen Industrierobotern und Mitarbeitern neuartig und gewinnbringend für beide Seiten ist. In seinem Artikel „Co-Robots und Co. – Entwicklungen und Trends bei Industrierobotern“ in der Netzwoche 9/2017 geht Oliver Bendel auf den Einsatz von Kooperations- und Kollaborationsrobotern ein, nennt konkrete Produkte und skizziert Chancen und Risiken.

Abb.: Wenn Maschinen und Geräte zusammenkommen

Erforschung der Folgen der Digitalisierung

50 Millionen Euro stehen bereit für die Erforschung der individuellen und sozialen Folgen der Digitalisierung. Nun weiß man, wer sie erhält. „Das Deutsche Internet-Institut wird in Berlin von einem Konsortium aus fünf Hochschulen und zwei außeruniversitären Forschungseinrichtungen aus Berlin und Brandenburg gegründet. Dies hat Bundesforschungsministerin Johanna Wanka heute bekannt gegeben. Das Konsortium aus Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technischer Universität Berlin, Universität der Künste Berlin, Universität Potsdam, Fraunhofer-FOKUS und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung als Koordinator hat sich in einem zweistufigen wettbewerblichen Verfahren durchgesetzt.“ (Pressemitteilung BMBF, 23. Mai 2017) Die Entscheidung hat Prof. Dr. Johanna Wanka auf der Grundlage einer Empfehlung der Jury getroffen, der u.a. Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger (University of Oxford), Prof. Dr. Oliver Bendel (Hochschule für Wirtschaft FHNW, Schweiz), Prof. Dr. Urs Gasser (Harvard University), Prof. Dr. Eric Hilgendorf (Julius-Maximilians-Universität Würzburg), Prof. Dr. Michael Kerres (Universität Duisburg-Essen), Dr. Catharina Maracke (Keio University, Japan) und Dr. Constanze Kurz (Chaos Computer Club und Netzpolitik.org) angehörten. Informations- und Technikethik dürften damit in Deutschland eine Renaissance erleben. Womöglich wird auch die Maschinenethik gestärkt.

Abb.: Eine Bahn in Berlin

Deutsches Internet-Institut vor Gründung

Am 23. Mai 2017 wird, so die Südwest Presse, darüber „entschieden, wo das neue Deutsche Internet-Institut angesiedelt wird“ (SWP, 22. Mai 2017) Eine Jury hatte im Auftrag von Bundesministerin Prof. Dr. Johanna Wanka vor einem Jahr aus zehn Bewerbern fünf für die Endrunde ausgewählt. Genauere Informationen hatte seinerzeit das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bekanntgegeben. „Ziel des geplanten Internet-Instituts ist, die Folgen des digitalen Wandels für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu erforschen – und so die Digitalisierung besser zu verstehen und zum Wohl der Gesellschaft nutzbar zu machen. Für den Anfang sind in den ersten fünf Jahren bis zu 50 Millionen Euro vorgesehen.“ (SWP, 22. Mai 2017) Die Jury hat nun eine Empfehlung vorgelegt, auf deren Grundlage die Bundesministerin – so ihre Stellungnahme gegenüber einem Mitglied des Bundestags – entscheidet. Die Leitung der Jury obliegt Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger (University of Oxford). Mitglieder sind u.a. Prof. Dr. Eric Hilgendorf (Julius-Maximilians-Universität Würzburg), Prof. Dr. Michael Kerres (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Oliver Bendel (Hochschule für Wirtschaft FHNW, Schweiz) und Dr. Constanze Kurz (Chaos Computer Club und Netzpolitik.org).

Machine Yearning

Harper’s Magazine hat Herman Melvilles „Moby Dick“ ebenso besprochen wie die neuesten Entdeckungen von Thomas Edison. Auch den Frauenrechten hat man sich immer wieder gewidmet. Winston Churchill und Theodore Roosevelt schrieben Beiträge für die berühmte Zeitschrift. In einer Selbsteinschätzung auf der Website heißt es: „Harper’s Magazine, the oldest general-interest monthly in America, explores the issues that drive our national conversation, through long-form narrative journalism and essays, and such celebrated features as the iconic Harper’s Index. With its emphasis on fine writing and original thought Harper’s provides readers with a unique perspective on politics, society, the environment, and culture.“ (Website Harper’s Magazine) In der neuen Ausgabe, erschienen Mitte Mai 2017, wird unter dem Titel „Machine Yearning“ der Maschinenethik Platz eingeräumt. Zitiert werden Fragen von Oliver Bendel, die der Wirtschaftsinformatiker und Ethiker zu Sexrobotern gestellt hat und die im Buch „Love and Sex with Robots“ (Springer, 2017) verschriftlicht sind. Der Beitrag kann online über harpers.org/archive/2017/06/machine-yearning/ abgerufen werden und ist auch als PDF verfügbar.

Abb.: Die Skyline von Manhattan

Weniger Unfälle durch autonomes Fahren?

Das 29. Heidelberger Symposium vom 11. bis zum 13. Mai 2017 trägt den Titel „verAntworten“. Die Schirmherrschaft hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann übernommen. Nach der Eröffnungsrede von Christian Wulff (Bundespräsident a.D.) gibt es Vorträge u.a. von Hansjörg Geiger (ehem. Präsident Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Bundesministerin der Justiz a.D.), Norbert Junkers (Max-Planck-Institut für Radioastronomie), Hans Markowitsch (Universität Bielefeld) und Oliver Bendel (Hochschule für Wirtschaft FHNW). Oliver Bendel widmet sich der Frage, ob man durch autonomes Fahren die Zahl der Unfälle reduzieren kann, und wenn ja, in welchen Bereichen, in welchen Situationen und zu welchem Preis. Für ihn gehören autonome Autos auf die Autobahnen, nicht in die Städte. Die Städte sind zu komplex, und es wird in ihnen, in ihrem Verkehr mit seinen unterschiedlichen Teilnehmern, kommuniziert, per Wink, per Blick. Es treffen sozusagen Welten aufeinander, und diese lassen sich nicht ohne weiteres verbinden. Weitere Informationen über heidelberger-symposium.de.

Abb.: Selbst an autonomen Fahrrädern wird geforscht